Bei facebook hat Kathinka Pasveer ein Stockhausen-Zitat (von 1973) eingegeben, in dem er vom Ende der einzelnen Religionen spricht: Angesichts der einen Welt sei es schwer möglich, bei
einer einzelnen Religion zu bleiben. Das klingt gut, paßt auch zu Stockhausens Werken aus den Jahren davor, zu TELEMUSIK und HYMNEN, die die Musik, die Klanglichkeit der ganzen Welt zu verwenden suchen.
Dennoch empfinde ich das als Halbwahrheit. Wenn Religion die Art und Weise der konkreten
Gottesverehrung ist, dann hat sie (denke ich) immer einen konkreten Hintergrund, geht von einer
christlichen Praxis aus (im Gebet) oder von einer buddhistischen (in der Meditation) oder einer
muslimischen etc; wer (etwa als Christ) betet und meditiert, für den hat die Meditation sogleich einen anderen Stellenwert als für den überzeugten Buddhisten. Und wenn ich (mit meinem christlichen Hintergrund) denke, daß das Ungeschaffene im Buddhismus gleichbedeutend ist mit der christlichen Rede von Gott, dann kann das entweder eine religionsphilosophische These sein (also Teil eines Denksystems, das mit Religion nicht identisch ist) oder eine von vielen Spielarten christlicher Theologie.
Ich denke, Stockhausen spürt das selber, denn im selben Zitat spricht er gleich darauf von der
herausragenden Bedeutung Christi für ihn. So, denke ich, ist sein Versuch, die Religionen der Welt in seine Art der Gottesverehrung zu integrieren, eine Spielart heutigen christlichen Denkens und Lebens.
Einwand: Ist das nicht nur Haarspalterei? Ich finde das deshalb wichtig, weil diese Gedanken Stockhausen verteidigen gegen eine weitverbreitete Kritik nicht nur in christlichen Kreisen. die von
"Patchwork-Religiosität" spricht, davon, daß es hier um eine esoterische Privatreligion geht, die man nicht ernst nehmen dürfe. Diese Kritik verkennt, daß die religiöse Praxis eines jeden Menschen insofern privat ist, als sie von seinen eigenen Erfahrungen geprägt ist, aber darüber hinaus geht, als sie in einer der großen Traditionen verwurzelt ist. Für Stockhausen trifft das meines Erachtens zu - ich würde ihn immer als Christ ansprechen, der in seiner besonderen Art der Religiosität der Christenheit etwas zu sagen hat.
Jesus Christus und Christentum
Leider kann ich das Facebook-Zitat nicht lesen - oder gibt es, ohne angemeldet zu sein, eine Möglichkeit dafür?
Der Inhalt des Zitats ist dennoch aus dem Referierten ausreichend gut zu erschliessen. Stockhausen als Christ? Ja was denn sonst? Auf ihn trifft schliesslich selbst die engste Definition für einen Christen zu, nämlich diejenige, dass dieser im Menschen Jesus von Nazareth den Sohn Gottes erkennt. Freilich tut er dies nicht im dogmatisch "korrekten" Sinne. Damit sind wir bei dem, was Thomas Ulrich als "Spielart" des Christentums bezeichnet. Ich würde eher vom christlichen "Fluidum" oder dem christlichen "gedanklichen Kosmos" sprechen.
Es gibt den Satz: Einmal Katholik, immer Katholik. Auch dieser Satz heißt natürlich nicht, dass der katholisch Erzogene nicht "aus seiner Haut heraus" könnte, selbstbestimmt sich neu entscheiden und ausrichten könnte. Stockhausen hat das wie viele Andere versucht. Bei ihm, wie wahrscheinlich bei den vielen Anderen, kommt zu einer gedanklichen Auseinandersetzung noch ein privates Moment hinzu. Ich kenne einige Leute, die sich aus Enttäuschung über autoritär-lieblose Zustände in christlichen Internaten oder wegen der schreienden Widersprüche zwischen Reden und Handeln sich dezidiert als Christen bezeichender Menschen gegen das Christentum entschieden haben und Atheisten geworden sind. Bei Stockhausen ist die Unfähigkeit, nach christlichen Moralvorstellungen zu leben, der Auslöser für seine Selbst-Exkommunikation gewesen. Diese hat ihn aber nicht zu einem Atheisten gemacht.
Das führt m. E. zu einem Problem bei der konkreten Gottesverehrung, die ja auch ein Spiegel der je eigenen Auffassung von Gott ist. Natürlich kann die private Form der religiösen Praxis als eine "Spielart" aufgefasst werden, aber sie ist doch immer nahe dran, eine selbstgebaute Sache zu sein. Und hier, muss ich sagen, ist die Gefahr groß, dass man sich selbst absolut setzt. Tolstoi z. B. wollte aus dem Ungenügen an der christlichen Dogmatik heraus eine neue Religion gründen, die zwar noch christlich gewesen wäre, aber so allgemein gefasst, dass Buddhisten, Mohammedaner und andere sich darin hätten wiederfinden können. Schön gedacht, aber auch von einer gewissen Hybris. Der Philosoph Simon Blackburn sagt treffend: "Wer nur überzeugend genug behauptet, seine Offenbarungen hätten die Finsternisse unserer Erkenntnis durchschnitten, und die Gottheit habe ihm verkündet, was zu tun sei und was nicht, der ködert uns, nach seiner Hand zu greifen." Für den Atheisten ist die Sache klar: Er wird sich nicht ködern lassen. Für den gläubigen Christen ist letztlich auch klar, dass er darauf vertrauen muss, dass Christus auferstanden ist, sonst ist sein Glaube sinnlos, wie Paulus sagt. Sich selber etwas neu zu "backen", also sich selbst zu ködern, ist ein Widerspruch in sich.
Stockhausen und andere, die sich zwar von der institutionalisierten Religion abgewandt haben und eine eigene "Spielart" der Religion leben, ohne Andere missionieren zu wollen, fühlen diesen Widerspruch. Darum suchen sie doch einen Halt, der ausserhalb von ihnen liegt. Zum Beispiel im Urantia-Buch. Oder eben bei Christus.
Ganz ähnlich bei Beuys, dessen "abtrünniger Katholizismus" heute mehr denn je erkennbar wird. Seine Faszination durch Ignatius von Loyola sowie natürlich Jesus Christus, seine Überzeugung, dass die Idee des Menschen untrennbar, nämlich speziell durch die Möglichkeit der Wandlung von Materie in etwas Geistigeres, mit Christus verknüpft sei, zeigen das deutlich. Beuys war ein christlicher Künstler, und Stockhausen wird immer deutlicher auch als ein solcher verstehbar. Messiaen mag die "dogmatisch korrekte" Version des katholischen Komponisten gewesen sein, Stockhausen ist die häretische. Er befindet sich da in guter Gesellschaft.
Abschliessend noch ein Begriff, den Martin Mosebach gerne verwendet: Katholischsein ist ein Naturzustand, den man nicht mit dem Kirchenaustriit ablegt.
Antwort an Adorján Kovács
Im Großen und Ganzen stimme ich Dir zu. Nur noch eine Präzisierung zum Begriff der "Spielart": Mir scheint klar, daß jeder Christ seine eigene Version des Christentums verkörpert (und das gilt für jeden Anhänger einer Lehre). Denn ER antwortet auf die eine Botschaft mit seinem eigenen Leben und Denken - die Antwort MUSS deshalb persönlich, spezifisch ausfallen, also geprägt durch die jeweils einzigartige Geschichte eines jeden Menschen. Das widerspricht doch nicht der Tatsache, daß alle Christen sich in denselben Traditionsstrom stellen - aber jeder führt ihn auf seine Weise fort. Und natürlich gibt es Grenzen, die schon das Neue Testament nennt Römer 10,9: Es kommt darauf an, Christus als den Herrn zu bekennen.
Insofern finde ich auch, daß Stockhausen immer deutlicher als Christ verstehbar wird, auch MIT dem Buch Urantia und all dem anderen!