KÜRTEN 2010

Die 13. Stockhausen-Kurse sind zuende gegangen; es war wieder eine erfüllte Zeit mit interessierten und interessanten Teilnehmern und natürlich viel Musik.

Die Eröffnung der Kurse auf dem Karlheinz Stockhausen Platz in Kürten mit den Michaels-Trompetern

Marco Blaauw & Co

Suzanne Stephens spricht - vor ihr Kathinka Pasveer

Jedes Jahr steht etwas besonders im Zentrum (das ist natürlich auch Sache subjektiver Wahrnehmung) - waren es im vergangenen Jahr die INDIANERLIEDER, so diesmal das Erlebnis der Intuitiven Musik. Dazu war das Weimarer Ensemble angereist. Es trat in zwei Konzerten auf und gab jeden Tag einen dreistündigen Interpretationskurs, fabelhaft (auf Englisch) moderiert von Hans Tutschku, der auf sehr großes Interesse stieß und diesen wichtigen Zug von Stockhausens Werk ins Licht stellte.

Leider fehlt Michael von Hintzenstern, der sich hinter seinem Harmonium verkrochen hat. Wir sehen Matthias von Hintzenstern, Daniel Hoffmann  und Hans Tutschku

Leider fehlt im Bild Michael von Hintzenstern, der sich links hinter seinem Harmonium verkrochen hat; wir sehen Matthias von Hintzenstern, Daniel Hoffmann und Hans Tutschku

Durch die kompetente und zugewandte Art der Weimarer Musiker wurden einige Teilnehmer ermutigt, für sich ganz praktisch erste Erfahrungen mit diesen Text-Partituren zu sammeln; wie man hörte, soll dieser Kurs, wie die INORI-Klasse von Alain Louafi, jetzt möglichst jedes Jahr stattfinden.

Nach meiner Beobachtung haben die Kurse einen neuen Aufschwung genommen. Es kamen viele neue Teilnehmer aus aller Welt, und die Konzerte waren sehr gut besucht - vor allem auch von Menschen aus Kürten und Umgebung. Für mich verblüffend, mit welch spontaner Begeisterung viele dieser Menschen, die absolut keine Musik-Spezialisten sind, auf die Werke Stockhausens reagierten. Auch ich war bislang immer der Meinung, es brauche eine lange und intensive Beschäftigung mit den Werken, um Zugang zu dieser Musik zu finden - das hat sich jetzt als Vorurteil herausgestellt. Qualitativ hochstehende Live-Aufführungen wirken ganz unmittelbar durch sich selber, und das gilt nicht nur von Stücken wie etwa dem DRACHENKAMPF, der auch schon Kinder faszinieren kann, sondern auch für abstrakte und komplexe Werke, zB. jetzt in Kürten KLAVIERSTÜCK VI oder KREUZSPIEL. Zu letzterem gab es eine pädagogisch und sachlich sehr gute und ausführliche Einführung durch Rudolf Frisius und das Ensemble, das die Idee des Stückes klar herausstellte - dennoch hatte ich Schwierigkeiten, das beim Hören unmittelbar nachzuvollziehen, und hatte eher den Eindruck, dieses (und auch andere Stücke) wirkt ganz unmittelbar durch die faszinierende Klanglichkeit - und natürlich auch dadurch, daß die Werke sich dann auch gegenseitig interpretieren. Deshalb ist es einfacher, ein reines Stockhausen-Programm zu hören, statt Stockhausen zwischen Mozart und Brahms.Aus SONNTAG gab es einige DÜFTE - ZEICHEN zu hören; es wurde wieder ganz klar, wie entscheidend es ist, daß diese Stücke nicht nur musikalisch korrekt ausgeführt werden, sondern mit Leben erfüllt und so, daß ihre Komplexität sich mitteilt. Nicolas Isherwood brachte das toll zuwege.

 

Die Kürtener Kurse als "Kader-Schmiede"

Kader klingt vielleicht zu sozialistisch und Schmiede zu autoritär, aber man versteht, was gemeint ist: Stockhausen war ein Befürworter der Werktreue und die sah er (zurecht) gewährleistet durch die "Tradition, dass neue Interpreten von denjenigen lernen sollen, die eine grosse Erfahrung haben und die Aufführungspraxis des Komponisten kennen." Das war eines der Kursziele.

Ich bin in dieser Hinsicht doch begeistert von den geplanten Mitwirkenden beim SONNTAG. Hubert Mayer und Marco Blaauw sind nicht primär, aber auch Kursgewächse; für Benjamin Kobler und Chloé L´Abbé gilt das schon eher, auch wenn alle Musiker, die bei den Kursen überhaupt antraten, schon anderweitig weitreichende Erfahrung hatten, haben mussten. In amerikanischen Internetblogs ist bisweilen den Kursteilnehmern unterstellt worden, sie wollten nur eine Referenz für das curriculum vitae, um sich dann in den musikalischen Routinebetrieb zu verabschieden. Hier zeigt sich doch, dass eine Saat aufgeht.

Fast noch mehr freue ich mich aber über die offenbar neuen Stockhausen-Interpreten, die auf der Besetzungsliste stehen. Das zeigt auch eine Wirkung in die Breite. Kathinka Pasveer, Peter Rundel und James Wood sind hier Garanten, dass die Werktreue nicht baden geht.

Leider verzögert sich der Vorverkauf wegen irgendwelcher Raumprobleme, sagte man mir an der Ticket-Hotline der Oper Köln. Ich will auf jeden Fall den SONNTAG sehen und hören! Hoffentlich lauert da nicht wieder ein Totsparer... Und nachdem ich leider dieses Jahr kurzfristig nicht zu den Kursen kommen konnte, will ich 2011 wieder dabei sein. Nirgendwo kann man bestimmte Werke so gut hören wie dort. Und die vertrauten Gesichter sehe ich so gern wie ich neue Teilnehmer kennenlerne. Und dann gibt es manchmal DEN verzauberten musikalischen Moment, DIE bezaubernde Interpretation.